Trennung der Eltern

KLIENT
Junge, 10-jährig

ANLIEGEN
Belastende Gefühle (noch unbestimmt) mit dem Vater; Trennung der Eltern vor ca. 3 Monaten mit anschließendem Selbstmordversuch des Vaters
WAS VOR MINDTV VERSUCHT WURDE
noch nichts
RELEVANTE INFORMATION
Die Mutter des Jungen trennte sich im März 2020 von dessen Vater. Nach der väterlichen Reaktion eines Selbstmordversuches, bei dem er gerettet wurde, begab dieser sich in eine psychologische Einrichtung. Der Vater verließ diese Einrichtung nach 10 Tagen freiwillig und hielt diese nicht mehr für notwendig.
Seitdem lebt der Vater im gemeinsamen Haus, während die Mutter mit den Kindern (betreffender Junge, Bruder 8, Schwester 3) bei ihren Eltern wohnt.

Beim Kennenlernen stand mir ein sehr sympatischer Junge gegenüber. Er betrat den Raum erst, als ich ihn hereinbat und er fragte sofort, ob er die Schuhe ausziehen solle.
Er war überaus höflich und sprach sehr offen mit mir. Guter Augenkontakt und Zugewandtheit.

Im Datenblatt gab die Mutter an, dass ihre Zielsetzungen seien
– dass ihr Sohn mit den ständigen traurigen oder wütenden Kontaktversuchen des Vaters, in denen er darum bitte/verlange, dass die Familie zurückkomme, besser umgehen könne
– Bearbeitung der Manipulationen durch den Vater
– dass überhaupt die Figur „Vater“, der nie eine „Vaterfigur“ war, geklärt werde

Im Vorgespräch wollte ich erstmal gerne klären, welche Zielsetzungen der Junge habe. Ich vermutete, dass die negative Sicht auf den Vater größtenteils nur den Gedanken der Mutter zuzuordnen seien.

Im Vorgespräch öffnete sich der Junge schnell und beschrieb sowohl Angst, als auch Wut und eine große Traurigkeit:
– Traurigkeit und Angst, dass der Vater gemein werde, laut werde und „böse Sachen“ sage
– Traurigkeit und Angst vor der Ungerechtigkeit des Vaters
– Traurigkeit, dass der Vater unberechenbar sei: mal gutgelaunt, mal total gemein und ungerecht
– Traurigkeit, dass der Vater Opa und Oma anschreien könne („Das macht man nicht!“)
– Wut, dass der Vater die Therapie in der Klinik abgebrochen habe
– Wut, dass der Vater alle traurig mache
– große Traurigkeit über die ganze Situation
– Angst, dass der Vater das Leben aller anderen kaputt machen könne

Er weine oft, aber nur alleine in seinem Zimmer. Sein Bett sei sein Zufluchtsort, an dem er dann zur Ruhe komme und entspannen könne.
Er habe einen allerbesten Freund „Paul“ (der auch später in der Sitzung zur Hilfe eilen wird) Er spiele gerne NintendoDS und Fußball. Sein größter Fußballer sei Lewandowski aus Bayern.

Er möge seine Geschwister sehr; seine kleine Schwester nerve ihn aber manchmal.

Ich erklärte ihm MindTV als cooles Nintendo-Spiel, in dem ich die Level vorgebe und er die Hebel bedienen müsse, damit es weiter gehe…
Das brachte ihn zum Lachen.

INNERE WELT
Eine Harry-Potter-Treppe führt zur inneren Welt.
In der Welt ist er anfangs alleine, lediglich Fabelwesen und bunte Regenbogen-Farben im Hintergrund kann er sehen.
Die Fabelwesen sind alle nett; keins davon ist gefährlich.
Er beschreibt die Welt mit „total toll hier“!

Ich schlug ihm vor, einen Weg zu suchen und dort entlang zu gehen. Nun stehen die Fabelwesen am Rand des Weges und winken und lächeln ihm zu.

Ein Haus taucht am Weg auf (kein ganzes Dorf, nur ein einziges Haus). Als er hineingeht findet er seinen Freund Paul, eine NintendoSwitch und sein Lieblingstier Panther (ungefährlich).
Auf die Frage, ob er etwas vermisse, sagt er, dass er ein bisschen seine Geschwister vermisse. Sonst niemanden. Es ist nicht schlimm, dass Mama und Papa nicht da sind. Beide sind gerade zur Arbeit.

In seiner Welt fühlt er sich pudelwohl. Er möchte nichts verändern.

SCHRITT 1
Traurigkeit, wenn der Vater ungerecht wird.
Situation 1: Der Vater droht damit, das Kinderzimmer zu zerschlagen, wenn die Familie nicht mehr nach Hause kommt.
Situiation 2: Ein Zoobesuch, als der Vater ihm als einziger zur Strafe kein Eis kaufte. Der Vater war sauer, weil der Junge vorher Quatsch gemacht hatte. In den Augen des Vaters war dieses Verhalten ungezogen.
SCHRITT 2
Jede Traurigkeit wurde als dunkeloranges Dreieck im Bauch (mittig-links) gefühlt.
SCHRITTE 3 & 4
Alter 0: kein Objekt

Alter B: dunkeloranges Dreieck; vom Vater erhalten; zurückgegeben; Vergebung; ersetzt durch hellblauen Kreis (Fröhlichkeit)

Alter F: kein Objekt

Alter 1: dunkeloranges Dreieck; vom Vater erhalten; zurückgegeben; Vergebung; ersetzt durch grünes Viereck (Erleichterung)
Situation: Junge ist von der Bank gefallen; Vater sagt, er sei selber schuld; NEU ERLEBT: Mutter kommt trösten und sagt, er soll den Jungen in Ruhe lassen

Alter 2: kein Objekt

Alter 3: dunkeloranges Dreieck; selbstgemacht; abgebaut; ersetzt durch gelbes Quadrat (Freude)
Situation: erster Tag im Kindergarten; Mama wird gleich gehen und ihn alleine lassen; NEU ERLEBT: sein Freund Paul holt ihn zum Spielen ab und er ist nicht mehr traurig

Alter 4-8: kein Objekt

Alter 9: dunkeloranges Dreieck; vom Vater erhalten; zurückgegeben; Vergebung; ersetzt durch eine violette x-förmige Form (Freude)
Situation: in der Schule gab es Ärger wegen vergessener Hausaufgaben; der Vater war wütend, als er dies erfuhr und schrie ihn an; er wollte abhauen; NEU ERLEBT: er geht daraufhin in sein Zimmer und legt sich in sein sicheres Bett und spielt Nintendo, der Vater lässt ihn hier in Ruhe

Alter 10: dunkeloranges Dreieck; von Vater und Mutter erhalten; an beide jeweils einen Teil zurückgegeben (Mutter links, Vater rechts); Vergebung; ersetzt durch bunten Kreis (Mischung aus Heiterkeit, Freude und Erleichterung)
Situation: Mutter und Vater streiten sich im Bügelzimmer; der Junge beobachtet die Situation; NEU ERLEBT: er geht aus der Tür und läuft zu seinem Freund Paul, der mit ihm zockt

Alter 11: keine Objekt

DDGM
Dem IF geht es zuerst gut. Er sieht aus wie der Junge und ist auch so groß und alt wie der Junge. Der IF lächelt ihn an.
Auf Nachfragen entdeckt er aber einen roten Kreis Traurigkeit im Kopf des IF, den dieser einfach entfernen kann. Er hatte den Kreis selbst gemacht.
Die Lücke ersetzen wir durch einen golden Kreis (Heiterkeit und Freude). Jetzt geht es dem IF sehr gut. Es sind keine Objekte mehr zu finden.

Dem Körper geht es gut. Er hat 20% Macht. Der IF hat 60%, der AF 20%.
Der Körper ist sofort bereit, seine 20% an den AF abzugeben. Der IF ist bereit seine überschüssigen 10% an den AF abzugeben, sodass ein Gleichgewicht herrscht.
Die beiden Freunde geben sich die Hände und fühlen sich im Körper wohl. Sie versprechen diesem, keine Gefühle von anderen mehr aufzunehmen.

ADD-ONS
Ich habe den Schutzsee verwendet. Das Wasser war regenbogenfarben, da der Junge sich die neuen guten ersetzenden Gefühle in unterschiedlichen Farben vorgestellt hatte. Die Schutzschicht schützt vor fremden Gefühlen.
HAUSAUFGABEN
Da ich kein regenbogenfarbenes Armband hatte, habe ich auf ein Blatt Papier in Regenbogenfarben den Satz „Freude und Erleichterung füllen meinen Bauch“ aufgeschrieben. Dieses Blatt soll er sich in seinem Zimmer aufhängen und die nächsten 3 Wochen jeden Tag mindestens 3x diesen Satz laut aussprechen.

Bei jedem Regenbogen, den er sieht oder bei einer besonders schönen, leuchtenden Farbe soll er an den regenbogenfarbenen Schutz denken, der keine fremden Gefühle in ihn hineinlässt.

SCHWIERIGKEITEN
Ich hätte in der inneren Welt nicht so viel Positives erwartet und hatte auf schlechte Gefühle gehofft, mit denen ich hätte arbeiten können.

Ich bin mir nicht sicher, ob das bearbeitete Gefühl wirklich Traurigkeit war. Vielleicht war es auch Angst?

Ich hätte die anfangs erwähnte Wut und die Angst noch in Situationen suchen sollen. Allerdings dauerte die Sitzung bereits 60 Minuten und war für den Jungen so auch ausreichend lang.

Ich habe ihn die Folge-Situationen neu erleben lassen. Doch anstatt in ein Zimmer zu flüchten oder zu seinem Freund zu laufen, hätte der Vater oder die Mutter anders reagieren sollen. Er hätte den Vater dann endlich einmal als liebevoll und gerecht erfahren können.

Mein Gefühl im Nachhinein:
Mir kam immer wieder das Gefühl, dass der Glaubenssatz „das macht man aber nicht“ eine große Rolle im Leben des Jungen spielt. Hier werde ich in der nächsten Einheit nachhaken.
Ist er deshalb ein so angepasster und höflicher Junge, weil er immer so sein möchte, wie „man“ es von ihm erwartet? Und wenn er sich doch nicht an die Regeln (des Vaters) hält, dann droht direkt eine unermessen hohe Strafe.
Der Vater hingegen nimmt sich das Recht heraus, ungerecht und laut und wütend zu allen zu sein.

ERGEBNIS
Schon während der Sitzung stiegen die Mundwinkel des Jungen immer höher. Als wir die Sitzung beendeten, grinste er wie ein Honigkuchenpferd. Er war aber auch sehr müde.

Bei der Nachbesprechung mit der Mutter erzählte er die Situation als Baby nach, als er von der Bank gefallen war und berichtete lachend, dass er das schlechte Gefühl einfach so austauschen konnte.

Mutter und Sohn verließen lachend und winkend meine Praxis.

Der nächste Termin findet in 14 Tagen statt.

Danke an:
Anke Hünewinckell
www.diefamilienfluesterei.de

FEEDBACK, GEDANKEN & TIPPS

Zunächst mal BRAVO, dass du dich an den Zielen des Jungen orientiert hast und nicht per se an denen der Mutter! Auch dass du den Vergleich zu einer Nintendo gezogen hast, um dem Jungen zu erklären, wie ihr zusammen arbeitet – ganz toll.

Innere Welt:
Cool, eine Harry-Potter-Treppe… 😊 Vielleicht hättest du hier etwas mehr bohren müssen, als er gemeint hat, er vermisse etwas seine Geschwister. Könnte sein, dass du hier noch was gefunden hättest. Aber ansonsten bin ich ganz damit einverstanden. 😊

Schritte 1-4:
Ja, es wundert mich auch, dass hier „nur“ Traurigkeit zum Vorschein kam. Ich bin mir ziemlich sicher, dass der Junge auch Angst empfunden hat, wenn der Vater damit droh, das Kinderzimmer zu zerschlagen. Aber: es kann durchaus sein, dass er sich in der nächsten Sitzung noch mehr öffnen kann. Viele Klienten wollen erstmal erkunden, was hier überhaupt passiert und mit wem sie zu tun haben. Du hast die Zeitbrücke sehr toll bearbeitet und keinen einzigen Schritt vergessen. Schön, wie du die Erinnerungen auch gleich immer neu erleben lässt – und dabei ist es gar nicht so wesentlich, ob du ihn dabei das Zimmer verlassen lässt, zu seinem Freund gehen lässt oder sonst was. Hauptsache, dem Jungen geht es in diesem Moment gut. Ich bin mir gar nicht so sicher, ob es möglich gewesen wäre, den Vater für den Jungen glaubhaft liebevoll erleben zu lassen – so, wie ich hier lese, ist der Vater ein echter Choleriker. Du hast das hier also alles sehr gut gemacht!

DdgM:
Auch hier: wunderbar gearbeitet! 😊 Du hast ein starkes, gesundes Team gebaut.

Add-ons:
Der Schutzsee ist hier ein wunderbares Add-on, welches du auch gleich als Hausaufgabe mitgeben kannst. Sehr gut!

Hausaufgaben:
Tolle Hausaufgabe und schöne Idee! Lass ihn doch das nächste Mal gleich selber malen, das verstärkt die Sitzung gleich nochmals!

Das hast du ganz toll gemacht! Und ja: dieses „das macht man doch nicht“ würde ich auch noch genauer unter die Lupe nehmen. 😉